Lebensrealitäten

 

DER PLATZ

(Berlin 33, den 17. Februar 1970)

DA WAR EIN SCHÖNER PLATZ IN BERLIN.
– ER IST SEHR STOLZ.

DENN AUF IHM STEHEN WUNDERSCHÖNE PAPPELN,
UND IN DER MITTE LIEGT EIN GRÜNER RASEN,
DER IM SOMMER BLÜHT.
WENN VIELE LEUTE KOMMEN UND IHN BEWUNDERN,
DANN STRAHLT ER UND FÜHLT SICH GANZ GEHOBEN.

ABER DIE GROSSEN PAPPELN MACHEN SICH WIRKLICH
GUT AUF DEM RUNDEN PLATZ.
– ER IST SEHR EINGEBILDET.

WENN ES HOCH OBEN IN DEN KRONEN RAUSCHT, DANN
BLEIBEN DIE LEUTE STEHEN.
DIE PARKBÄNKE SIND IMMER VOLLBESETZT, DOCH
WENN KINDER AUF DEM GEPFLEGTEN RASEN GEHEN,
DAS SIEHT ER GARNICHT GERN.

DAS MUSS MAN ANERKENNEN,
ER IST ERHABEN ÜBER ALLEN PLÄTZEN DER UMGEBUNG.
– JA, DIE SCHÖNEN PAPPELN.

WEISST DU, DASS SIE GESTERN VERMESSEN KAMEN?

DIE AUTOBAHN SOLL ÜBER DEN PLATZ.

– UND DER PLATZ?
– ER WAR SEHR STOLZ.

VIELE LEUTE KAMEN
UND DIE PAPPELN WAREN HOCH UND MAJESTÄTISCH.



 

 

 

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Der Blick aus unserem Kinderzimmer in Berlin-Wilmersdorf ging hinaus auf den Breitenbachplatz (Foto), damals mit prächtigen Pappeln umsäumt – bis sie für die Stadtautobahn geopfert wurden. Das empfand ich als Verlust, wobei mir die Vergänglichkeit alles Seins (auch des Gewohnten) bewusst wird, was mir die Notwendigkeit von Demut und Bescheidenheit vor Augen führte. Mir kam außerdem eine bekannte Pop-Melodie in den Sinn, die ich aus dem Radio kannte: "Mein Freund der Baum | Ist tot | Er fiel im frühen Morgenrot" (1968, YouTube) von Alexandra. (Die Schlagersängerin selbst kam tragischerweise bei einem Autounfall einige Monate zuvor, im Juli 1969, ums Leben. Sie wurde unter ihrem Künstlernamen auf dem Westfriedhof in München begraben). Damals war für mich der Tod noch kein Thema, das mich berührte, sondern eher der Verlust durch Weggang oder Abschied.

stephan castellio wrobel - jswrobel

 

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