Notizblog | Freilassing | Vorwort, Einführung und Themenübersicht


Stephan Wrobel

Freilassings Identität – Lehm und Eisen(bahn)
und vieles mehr

Vorläufige/laufende Version 2022 | Juli (refresh )



Vorweg bemerkt: Ich lebe und wohne gern in Frei­lassing; meine Be­merkungen zur Stadt sind wohl­wollend gemeint. Ich schlendere mit offenen Augen durch die Welt, habe Spaß am Foto­grafieren, Recher­chieren und kreativen Schreiben (und habe früher darin jahr­zehntelang Erfahrung gehabt; das hier ist quasi ein Neuanfang nach längerer Pause, eine Fort­setzung, um das Hand­werk nicht ganz zu verlernen ... 😀), und sehe meine Aufgabe jetzt nicht darin, die Orts­geschichte auf­zuarbeiten oder gar ein "Experte" darin zu werden – mitnichten, denn meine Arbeits­weise war seit jeher, nicht Antworten zu WISSEN, sondern zu FINDEN.
Vielmehr möchte ich anderen und vor allem jungen Menschen An­stöße geben und ihr Interesse wecken und bin hier online aus Freude am Recherchieren, Texten und Fotografieren.

Vorwort (oder was mir an Freilassing gefällt). Freilassing – eine entschleunigte, beschauliche Wohn- und Einkaufsstadt an der deutsch-österreichischen Landesgrenze.

Die über 17.000 Einwohner Freilassings bestehen aus altein­gesessenen Bayern und "Zugereisten" wie mich (in West-Berlin groß geworden; habe die längste Zeit, 1972–2008, in Wiesbaden und Selters/Taunus verbracht, also bei den Hessen). Zusammen mit vielen Österreichern (jeder achte Freilassinger), Schwaben und Menschen unterschiedlicher Nationen, die sich in der Beschau­lichkeit der ober­bayerischen Klein­stadt ebenso wohlfühlen.*

* Zur Bevölkerungsstruktur: 57 Prozent der Bewohner sind "Deutsche ohne Migrationshintergrund" (9.915 von insgesamt 17.368). Es folgen auf Platz 2 Österreicher mit 13,7 Prozent (2.384) und auf Platz 3 EU-Osteuropäer mit 8 Prozent (1.395), vor allem Rumänen, Kroaten oder Polen. Dazu kommen Einwohner aus vielen anderen Nationen. Flüchtlinge spielen mit einem Anteil von 2,7 Prozent (467 Personen) im Vergleich zur Größe der Stadt keine große Rolle (#1).

Mir gefällt, dass ich als Freilassinger an der Stadgrenze der Weltkulturerbestadt ☞ Salzburg wohne. (Mit einem internationalen Airport, den ich allerdings bisher erst einmal für einen Kurztripp nach ☞ Mallorca genutzt habe, und dessen Flugzeuge ab und zu geräuschvoll über unser Haus fliegen – kein Problem für mich als ehemaliger West-Berliner, der sowas schon als Kind kannte.)

Am Zusammenfluss der Grenzflüsse ☞ Saalach und ☞ Salzach (☞ "Saalachspitz"). Mit schönen Uferwegen an beiden Flüssen in Richtung Norden und Süden. Nur wenige Kilometer weiter liegt das mondäne traditionsreiche Kurbad ☞ Bad Reichenhall mit einladendem "Königlichem Kurgarten", den Besucher als Kurpark wahrnehmen und schätzen.

Am Schnittpunkt von Eisenbahnlinien (München – Wien) gelegen, mit Autobahn und wie erwähnt Airport in der Nähe, ist Freilasing verkehrsgünstig angebunden und das in reizvoller Lage im Alpenvorland (☞ Högl). Mit freien Blicken zum prachtvollen ☞ Staufenmassiv, zur barbusigen "Schlafenden Hexe" (☞ Lattengebirge) und zum geheimnisvollen ☞ Untersberg sowie zum ☞ Gaisberg, dem Hausberg unserer liebenswerten Salzburger Nachbarn, oder ebenso vielfach gut sichtbar ☞ Maria Plain, dem dortigen Wallfahrtsort. In der Ferne schneebedeckte Gipfel weiterer Berge in Deutschland und Österreich! Sehr schön hier.

Kein Wunder, dass ich meine Wahlheimat Freilassing (seit 2011) und die Umgebung schätzen und lieben gelernt habe und manches beim "Schlendern" mit offenen Augen Gesehene und Erlebte hier in meinem persönlichen Blog, dem "Notizblog", zum Gegenstand von Betrachtungen und Plaudereien machen möchte – in Fortsetzungen, nach und nach. Viele Fotos habe ich schon. (Habe aber nicht vor, einen Reise- oder Wanderführer zu verfassen. 😊)

Einführung (oder über Identität, Geschichte und mehr). Bei der Stadterhebung Freilassings 1954 (vordem Gemeinde, die bis 1923 den Namen ihres jetzigen Ortsteils Salzburg­hofen trug) wurde im Rahmen der Fest­reden nicht ohne Grund die Bedeutung von "Römer, Bauer, Eisenbahner und Bürger" als "vier Vertreter aus der Orts­geschichte" für die neue Stadt hervor­gehoben, was historisch begründet und nicht in Verges­senheit geraten sollte (Enzinger 2003, S. 200; Friedl 1974, S. 90).

Freilassing und einige seiner Ortsteile, wie ☞ Salzburghofen (Königshof, mindestens seit 885), haben seit rund tausend Jahren vor allem bäuerliche Wurzeln ("Lehm"). Davon zeugen bislang noch bewirtschaftete Felder mitten in der Stadt (zum Beispiel am verlängerten ☞ Fürstenweg), die ich sehen kann, wenn ich aus dem Fenster schaue. Und die letzten intakten Bauern­häuser und Ställe. Das Land­wirtschaftliche prägt bis heute, neben anderen Merkmalen, die Identität Freilassings, was – wie ich nur hoffen kann – auch von den neuen Generationen erlebt und als etwas Besonderes betrachtet (werden) wird.

Die Identität der stetig wachsenden Gemeinde Salzburghofen und späteren Stadt Freilassing prägten neben den altein­gesessenen Bauern die zugezogenen Zoll- und Grenzpolizei­beamten (Grenzort seit 1816), und ab 1860 dank neuer Migrations­wellen die Eisen­bahner, Unternehmer, Kaufleute, Hand­werker und Arbeiter. (Dazu kamen ab 1945, wie an anderen Orten in unserer Region, Heimatvertriebene und Flüchtlinge.)

Der Ort ist also erst in den letzten 150 Jahren durch Migration zu dem geworden, was er um 1900 geworden und bis heute ist. Dabei bleibt scheinbar eine soziale Gruppe, mit Ausnahmen, außen vor – die Akademiker. (Zu den Ausnahmen zählt zB Dr. Georg Vogl, der Freilassinger Chefarzt und Bürgermeister, an den eine Tafel an der Diakonie, Schulstraße 6/8 erinnert. Ebenso der Namengeber des ☞ Soergel-Parks und andere.)

Die "Volksbildung" (Lesen und Schreiben) in Freilassing war zunächst ausschließlich religiös geprägt, denn sie lag am Anfang vor über 300 Jahren in den Händen von Kirchenleuten, dann bei Augustinermönchen und später auch Nonnen, die die Volksfrömmigkeit zu fördern suchten, was sich übrigens vom Konzept des Benediktinerordens unterschied, dem Bischof Rupertus und seine (teilweise hochgbildeten) Nachfolger in Salzburg angehörten, die neben dem Glauben gleichzeitig Bildung, Kunst und Wissenschaft schätzten und förderten. (So entwickelten sich Menschen in Salzburghofen/Freilassing und Salzburg, soweit sie unter dem Einfluß von Augustinern oder Benediktinern standen, offenbar in zwei unterschiedlichen Bildungswelten und konnten sich durchaus jeweils andere Sichtweisen auf das Leben und die Welt aneignen.)*

* Die Augustiner beanspruchten und verteidigten die Einführung der "Volksschule" in Freilassing als ihre unbestreitbare Domäne – bis die Zeit sie überholte (☞ Schulen). Nach Kriegsende 1945 lehnte der Gemeinderat Freilassings quasi im Geiste der alten Tradition die Gründung einer "höheren Schule" (Mittlere Reife) für Freilassings Jugend kategorisch ab mit der einseitigen Begründung: "Es besteht kein Bedürfnis für eine Massenbildung von Menschen, die in der Produktion nur eine Belastung sind. Wir brauchen Arbeitskräfte auf der ganzen Linie für das Handwerk, wofür eine Berufsschule vollkommen den Zweck erfüllt" (Enzinger 2003, S. 436). So steht bislang noch heute die Berufsschule in Freilassing als ein Drehkreuz für junge Menschen im Mittelpunkt ihres Bildungsweges, wenn sie vor Ort bleiben wollen oder müssen (soweit ich das gegenwärtig verstehe).

Seit 1860 "verknoteten" sich bei Freilassing neue Eisen­bahnlinien ("Eisen"), so mit der Strecke München – Salzburg – Wien, die zur Anbindung der Gemeinde und unserem Nachbarn ☞ Salzburg an den Rest der Welt führte, was für beide Orte den Beginn eines wirtschaftlichen Aufschwungs markierte und auch den ☞ Fremden­verkehr in der gesamten Region beflügelte. Ähnlich profitierten andere Ortschaften entlang der Strecke von der Eisenbahn. (So hatte sich angesichts des wirtschaftlichen Niedergangs der jahrhundertealten Salinen und des Salzhandels ☞ Berchtesgaden rechtzeitig auf den Fremdenverkehr mit Natur- und Bergtourismus und ☞ Bad Reichenhall auf den Kurbetrieb umgestellt, die Stadt ☞ Laufen an der Salzach zum Beispiel dagegen verharrte landwirtschaftlich geprägt und erlebte trotz der Eisenbahn, die sogar zum Niedergang der Salzschifffahrt beitrug, keinen nennenswerten wirtschaftlichen Boom.)

Ab 1900 gab es für Salzburghofen/Freilassing durch die Eisenbahn einen weiteren Wirtschaftsschub, als es zur Errichtung von Betriebswerkstätten (Bw) für Dampf- und später für Elektroloks kam, was unserer Gemeinde 1910 unter anderem Wasser­leitungen und Hydranten brachte.

Das nostalgische Bahn­betriebswerk mit Rundlok­schuppen und andere Bahn­betriebs­gebäude blieben beim verheerenden Bomben­angriff der alliierten Piloten am 25. April 1945 auf den Bahnhof und das Heeres­zeugamt fast unbeschädigt. So kann man sie noch heute vor Ort im Eisenbahnmuseum "Lokwelt Freilassing – Deutsches Museum" bewundern (eröffnet 2006).

Anders erging es dabei dem Bahnhof selbst und dem Heeres­zeugamt, das man nach dem "Anschluss" Österreichs 1938 statt in Salzburg, wie ursprünglich geplant, nunmehr in Freilassing von Klebing bis Stetten baute – was fatale Folgen für die Freilassinger haben sollte (Enzinger 2003, S. 249): Schwere Verwüstungen in der Nähe der zerstörten Ziel­objekte Bahnhof und Heeers­zeugamt am 25. April 1945 und damit Tod für eine Anzahl Soldaten, Zivilisten und Zwangs­arbeiter. (Ähnlich wie überall in Hitler-Deutschland, wo die Alliierten Vernichtungs­angriffe gegen Einrichtungen wie die Heeres­zeugämter und ihre Bahnhöfe flogen, legten sie ebenso Bahnhöfe entlang der Strecke München – Salzburg, zum Beispiel das Bahnhofs­gelände in Rosenheim, in Schutt und Asche.)

Gleichzeitig brachte der Aufschwung damals durch die Entstehung einer Arbeiter­schicht soziale und lokalpolitische Umwälzungen und Freilassing den sozial­demokratischen Bürger­meister ☞ Karl Rittmann (1919 – 1933, 1945 – 1947), den die National­sozialisten ins KZ Dachau verbrachten und später wieder freiließen (Enzinger 2003, S. 225; vgl. zu den Opfern des National­sozialismus "Erinnerungskultur" [in Arbeit]).

Oben sieht man einen morgendlichen Schnappschuss an einem sommer­heißen Augusttag Rupertusstraße Ecke Augustiner­straße, der das bisher Beschriebene visuell vertiefen kann. Denn das Foto macht einen für Freilassing charakteristischen "Mehr­klang" sichtbar, so finde ich, vermittelt einige der schönen und heraus­ragenden Merkmale ihrer Identität als Stadt neben Industrie, Handel und Bürgertum:

  • die ☞ Rupertuskirche im Hintergrund und Zentrum der Stadt – hier Symbol für katholische Traditionen wie in Salzburg ("Kreuz"); der heilig geprochene Rupertus (siehe unten) ist Landes­patron vom "Ruperti­winkel" und Flachgau (Österreich), die früher politisch und kulturell zusammen gehörten.
  • ein Feld (fast) im Mittelgrund – steht für Land­wirtschaft/Bauernhöfe ("Lehm"), die jahr­hundertealten bäuerlichen Wurzeln des Ortes (☞ Weberbauer­gasse, Ludwig-Zeller-Straße), was ich für etwas besonderes in einer Stadt halte. Etwas, worauf man stolz sein kann. Ein bewahrens­wertes Erbe, wie ich finde, das Freilassingern in der Moderne ein Stück Heimat­gefühl neben anderen heraus­ragenden Merk­malen (wie ihre Industrie- und rund tausend­jährige Orts­geschichte, ☞ frilaz) vermitteln kann.
  • und im Vorder­grund ein typisches Eisenbahn-Utensil der Stadt der ☞ Eisenbahn, auch "Eisenbahner­stadt" genannt ("Eisen", ab 1860, nach 1900 mit Bahn­betriebswerk neben Salzburg) – die Eisenbahner (neben Zoll, Grenzpolizei und anderen) machen einen Teil der Identität der Stadt an der deutsch-österreichischen Grenze (seit 1816) aus.
  • Links im obigen Bild geht's übrigens an den ehemaligen "Eisenbahner­häusern" die ☞ Rupertus­straße entlang zum ☞ Eisenbahn­museum "Lokwelt". (Nicht zu verwechseln mit der "Eisenbahn­kolonie", die zwischen 1908 und 1920 entstand und gegenüber der Rupertus­kirche in der ☞ Münchener Straße lag; vgl. Huber 1982, Nr. 46.) Und noch etwas: Die "Augustiner­straße" rechts im Foto erinnert ...

  • an die Augustiner – also jetzt nicht an die bayerische Bierbrau­tradition, sondern an die Eremiten vor Ort (1601–1773) im ☞ Alten Pfarrhof ☞ Salzburg­hofen (historische Bau­juwelen der Stadt). Die Augustiner prägten auf ihre Art die "Volksbildung" in Freilassing durch die Einführung einer Schule (die einer anderen Zielsetzung als die der Benediktiner Salzburgs folgte, siehe Bemerkung oben; ☞ Schulen). Dem Orden hatte übrigens auch einst der Reformator Martin Luther angehört, und über die evangelisch-lutherische ☞ Kreuz­kirche wird es hier ebenso einen Artikel geben. Das bemerkens­werte lutherische Dreiklang-Gebäude-Ensemble mit eigenem Symbol­wert liegt an der Schul­straße (vgl. ☞ Zentral­schulhaus, ☞ Grund­schule) Ecke ☞ Bräuhaus­straße ("Bier") und der, natürlich – Martin-Luther-Straße!
  • Der andere Straßenname gedenkt ☞ Rupertus, dem in diesem Land­strich allgegen­wärtigen innovativen Missionar und ersten Bischof von ☞ Salzburg. Vordem war er Bischof in Worms. Der bayerischer Herzog Theodo lud ihn 696 ein (oder zwei Jahr­zehnte später, wie man annimmt), in unserem Land­strich beiderseits von Salzach und Saalach zu wirken. Er erhielt wichtige Anteile an der Saline in ☞ Reichen­hall, worauf offenbar unter anderem sein Bischofs­sitz den Namen "Salzburg" erhielt. Ohne neben Reichenhall das nicht weniger weit entfernte Hallein (Österreich) ver­nachlässigen zu wollen, wo schon die ☞ Kelten Steinsalz abbauten, was dann durch das bessere Meer­salz der ☞ Römer (Romanen) aus der Adria überflügelt wurde.

Mit Bischof Rupertus Ankunft in Salzburg beginnt die Geschichts­schreibung in unserer Region, weil es von da an schriftliche Zeugnisse gibt. "Was man schreibt, das bleibt!" Dr. Fritz Moosleitner, der bedeutende österreichische Prähistoriker und ehemalige Landesarchäologe von Salzburg (1985 bis 2001) stellt fest:

"Mit der Ankunft des hl. Rupertus in Salzburg im Jahr 696 setzt eine neue Entwicklung von großer geschichtlicher Tragweite ein. Der Historiker kann sich ab diesem Zeitpunkt auf eine Vielzahl schriftlicher Über­lieferungen stützen. Der Archäologie fällt für die nach­folgenden Zeit­stufen die Aufgabe zu, – z.B. durch Kirchen­grabungen oder Stadtkern­forschungen – manche Detail­probleme zu lösen, für die keine schriftlichen Quellen vorliegen" (#2).

Die wenigen vorhandenen Erdfunde aus Freilassing aus römischer, bajuwarischer und frühmittel­alterlicher Vergangenheit sind offenbar lediglich Zufalls­funde (soweit ich das gegenwärtig verstehe, abgesehen jetzt von der Notgrabung am bajuwarischen Gräberfeld und stichprobenartigen Grabungen in Salzburghofen), beispiels­weise bei Bau- und Feldarbeiten, und schlummern in Museen oder sind gar "verschwunden" bzw. verschollen, wie Heimatforscher Willi Huber einst beklagte (#3).

Doch die Geschichte von ☞ Römern, wie dem Romanen ☞ Matulus und von ☞ Bajuwaren (was die Bedeutung "Männer aus dem Lande Baia" hat und mit Böhmen, dem antiken Boiohaemum, gleichgesetzt wird) und anderen nach­gewiesenen "Urein­wohnern" auf heutigem Ortsgebiet, so aus dem frühen Mittelalter (☞ Engilrammus von frilaz), könnte ebenfalls sinnstiftend im Sinne von "Heimat" für die Identität einer Stadt wie Freilassing sein.

Ist jemals systematisch nach dem Landgut oder Hof von ☞ Engilrammus von frilaz (auf ☞ frilaz geht immerhin der Orts­name Freilassing zurück, der "Frei­gelassene" bedeutet und nichts anderes, hat also mit "freigelas­sener Weide", wie man vielfach sogar amtlich lesen kann, wahrscheinlich nichts zu tun; vgl. Enzinger 2003, S. 196), zweifels­ohne eine bedeut­same Persön­lichkeit und kein Bauer, gesucht worden? Offensichtlich weder quellen­kritisch noch archäologisch – Engilram bleibt bislang im Dunkeln geheimnisvoll verborgen, auch seine Tochter, die er laut einer alten Urkunde (1125 oder viel früher, da es sich um eine Abschrift handelt) freigekauft hat und eine "Freigelassene" wurde. Mich würde nicht wundern, wenn zwischen dem Freikauf der Tochter des Engilram und dem Ortsnamen frilaz auf Grund einer sprachlich rückbezüglichen Funktion vielleicht eine direkte Verbindung besteht, die heute nicht wahrgenommen wird. In seiner voluminösen fabel­haften Stadt­chronik von 2003, Seite 41 gibt Kurt Enzinger Engilram im Kontext von frilaz Raum und bricht dann weiter­führende Forschungen ab, offenbar aus Mangel an Quellen. Wie sieht es damit heute aus?

Das gleiche Schicksal hat bislang den Römer (Romanen) Matulus ereilt, quasi den ersten namentlich bekannten Bewohner auf heutigem Freilassinger Stadtgebiet (namenlose "Freilassinger" Bewohner aus Steinzeit, Kelten- und Bajuwarenzeit gibt es dergleichen mehr), das einst zum Verwaltungsgebiet (nicht Stadtgebiet) des damaligen römischen "Salzburg" oder Iuvavum gehörte. Nach dem in der Gegenwart zumindest eine Straße in Freilassing benannt ist, die ☞ Matulusstraße. Mehr darüber auf meiner Spurensuche nach dem alten Römer und seinem Gutshof in dem Artikel "Matulus lässt unbekannterweise grüßen – die Matulusstraße in Freilassing" (in Arbeit).

Mir scheint, man scheute einst in Freilassing Kosten und Mühe, die systematische Experten­suche nach wertvollen römischen, bajuwarischen und frühmittel­alterlichen Boden­zeugnissen im Ortsgebiet Freilassing von Historikern und Archäologen allein schon auf den als offizielle Bodendenk­mäler ausgezeichneten Fundorten durchführen zu lassen (Q101). Oder man erkannte nicht recht die werbewirksame und gleichwohl ehrenvolle Bedeutung von historischen Wurzeln und Gebäuden für die Identität und das Image einer aufstrebenden modernen Stadt sowie ihre Anziehungs­kraft auf die Welt. Oder man übersah schlichtweg diesen Teil der frühen Orts­geschichte, widmete sich nach 1900 wirtschaftlich dem "Fortschritt" und nach 1945 dem Wieder­aufbau und "Wirtschafts­wunder" sowie geschichtlich der Eisen­bahn, die ein Teil­aspekt der Orts­geschichte Freilassings ist.

Wie zu Recht die Eisenbahngeschichte, die 1860 begann, so gehören ebenso andere Ereignisse und Epochen vor der Stadt­erhebung 1954 zur Orts­geschichte, beispiels­weise Napoleons Kriege und andere Kriege: Durch den ersten "Franzosen­krieg", der 1800 mit der großen "verges­senen" Schlacht am Walserfeld und rund 20.000 Opfern (Toten, Verwundeten, Vermissten) hauptsächlich zwischen dem "Saalacheck" und Wals/Siezenheim auf der österreichischen Seite der Saalach stattfand, war Salzburghofen und Freilassing unter anderem nicht nur durch die alte Saalachbrücke unmittelbar betroffen, wie wir noch sehen werden.

Das Jahr 1819 – Freilassing, seit 1816 Grenzort zu Österreich, wird zum Sitz des Oberzollamts erkoren – und nicht Salzburghofen. Was man als den eigentlichen Wendepunkt für den Weiler Freilassing bezeichnen kann!

Der deutsch-französische Krieg 1870/1871 (durch die damaligen Kriegs­teilnehmer aus Salzburghofen/Freilassing), der die Gründung des Deutschen Reiches beschleunigte (und woran die "Friedens­eiche 1871" in der Fußgänger­zone Freilassing bis heute erinnern soll).

Der Erste Welt­krieg (1914 bis 1918 als Wendepunkt der Weltgeschichte) und der vernichtende Zweite Welt­krieg (1939 bis 1945), aus­gelöst durch den Größen- und Rassenwahn des National­sozialismus und seines An-Führers, dem Diktator Adolf Hitler, der von 1933 bis 1945 in unserer Nähe im Dorf ☞ Obersalzberg bei Berchtesgaden eine Residenz betrieb und auf seinem "Berghof" und in Bischofswiesen als seinem zweiten Regierungssitz folgenschwere weltpolitische und menschenverachtende Entscheidungen traf, die bis heute schmerzlich nachwirken.

Wobei man letzteres, den National­sozialismus, zwar dem kollektiven Gedächtnis eines Ortes scheinbar "ent­schwinden" lassen kann, doch dieser Teil der Orts­geschichte wird immer unum­kehrbar dazu gehören und auf eine be­freiende Aufar­beitung warten. Viele Gemeinden und Städte in Bayern, Deutschland und Österreich haben die Aufarbeitung der Zeit des National­sozialismus durch sach­kundige oder engagierte Forschende erlaubt, gefördert und sich in analoge oder digitale Veröffent­lichungen nieder­schlagen lassen. Das schreibe ich jetzt als Ansporn vor allem für junge Menschen, aber auch für andere, die hierin eine Aufgabe sehen könnten. Dafür können und sollen meine Bemerkungen und Artikel zu Geschichts­themen unter "Notizblog" und "Orts­geschichte" sowie "Erinnerungs­kultur" als Anstoß dienen!

Also ganz schön geschichtsträchtig das Ganze hier! Worauf diese Seiten durch diverse Beiträge noch weiter eingehen werden und auf anderes mehr, was mir beim "Stadt­schlendern" in Freilassing aufgefallen ist oder aus historischer Sicht bemerkens­wert erscheint. Finde ich jedenfalls interessant ... 😎

Dann viel Spaß oder Interesse beim Lesen oder Stöbern auf den bereits vorhandenen und künftigen Seiten ... (Bitte um eine Weile Geduld, da viele Seiten und Rubriken noch in Arbeit oder Planung sind. Zudem meine gesundheitliche Situation leider zu einem Stillstand fast aller Seiten hier geführt hat, wie auf den aktuellen Startseiten dieser Homepage erwähnt.)

Stephan Wrobel, Freilassing


Schlußwort (oder ein PS über Heimatgefühl). Das Wort "Heimat" hat meiner Meinung nach bis heute nichts an seinem Zauber verloren. "Heimat" schafft eine Identität mit bereicherndem Lokakolorit, auch für solche mit einer "Wahlheimat", Zugereiste also, wie mich. Eine Identität, die für Menschen jeden Alters auch von heute ein Stück Lebensqualität bedeuten kann. Und die für ein sinnvolles und zufriedenes Leben einfach gut ist, finde ich. "Heimat" ist nicht zu verwechseln mit einem stumpfen Lokalpatriotismus oder gar ausgrenzenden Nationalismus, sondern als Europäer und Weltbürger gedacht, die Andersdenkende oder woanders Geborene respektieren, sie nicht ausgrenzen oder bekämpfen, nicht auf sie herabblicken, gleichzeitig jedoch eine feste Haltung gegenüber Extremen und Radikalen einnehmen. Hass hassen – keine Toleranz gegenüber Intoleranz, sozusagen. Keine Selbstjustiz.*

* Der Hass auf Menschen anderer Herkunft, Nationalität, Gesinnung, Religion, politischer Meinung oder Kultur hat in der Vergangenheit zu Leid und Tod von Millionen Menschen geführt, was ein widerlicher und abschreckender Vorgang ist (man denke nur an den desaströsen Größen- und Rassenwahn der Nationalsozialisten, der Deutschland Vernichtung und große Verluste brachte), der keineswegs menschlich und gottgefällig sein kann (☞ Erinnerungskultur). Und der mit keiner Theorie, sei es die Evolutionstheorie oder dem Sieg des Stärkeren gegenüber dem Schwächeren, entschuldigt oder begründet werden kann. Krieg und Hass zerstören, lassen Leben aushauchen. Leben und Wachstum brauchen friedliche und nährende Bedingungen, um zu gedeihen, das beginnt schon im Mutterleib, was damit bewiesen ist, und was jeder Mensch überall auf der Welt nachvollziehen kann. Die Menschheit hat sich von Anfang ihres Daseins an auf diesem Planeten durch Komunikation, Kooperation und Toleranz in Frieden ausbreiten können. Isolation führte Menschen in grauer Vorzeit dagegen nachweislich ins Nichts, und sie starben in der Folge aus.


Die meisten Freilassing-Artikel "Stadtschlendern" sind offline, bedingt durch meine gegenwärtige persönliche Situation. Die Bildergalerie mit Diashow (Titelbilder) ist online!


Themenübersicht

Stadtschlendern I (nach Salzburghofen)

Mozart hätt's vielleicht gefreut – der sommerbunte Mozartplatz in Freilassing
Freilassing – die Hafnerkapelle am Kreuzweg
Kreuzweg mit Panoramablick
Matulus lässt unbekannterweise grüßen – die Matulusstraße in Freilassing
Die Villa der Heilingbrunner Schwestern in Freilassing

Weiter in Vorbereitung ...




Link für diese Originalseite / Zitierweise

Stephan Wrobel: Freilassings Identität – Lehm und Eisen(bahn) und vieles mehr. Online publiziert im "Notizblog", Mein Stadt- und Naturschlendern (persönlicher Blog), URL: https://www.stephan-wrobel.de/notizblog/freilassing/start-freilassing.htm (abgerufen ).

Kurzlink: www.freilassing.stephan-wrobel.de